Auswirkungen der Wiedervereinigung

Diskussionsveranstaltung am Donnerstag 3. Oktober 2013 ab 20:00 Uhr3-10-1990

Mit dem Zusammenbruch der Länder des sog. „realen Sozialismus“ Ende 1989 erfüllten sich für die damalige BRD gleich zwei Wünsche: Einerseits verschwanden nahezu von heute auf morgen diejenigen Konkurrenzstaaten, die mit ihrer politischen Scheinalternative in der damaligen antikommunistischen Doktrin des Westens zum „Reich des Bösen“ (R. Reagan) zählten, anderseits konnte nun das imperiale Kardinalziel der BRD, die Aneignung des Territoriums der damaligen DDR verwirklicht werden. Die radikale Linke jener Zeit sah ein „4. Reich“ am historischen Horizont aufziehen. Dagegen wurde mit aller Kraft mobilisiert, der Slogan Nie wieder Deutschland! wurde zur allgemeinen Losung und wer als Linker auf sich hielt, verstand sich als antideutsch.

Heute zeigen sich Fehleinschätzungen der damaligen Antideutschen. Der zunächst heftig aufbrandende Pogrom-Nationalismus in den neu gewonnenen Ostgebieten verwies sich als Episode, die befürchtete erneute militärische Aggression musste sich Gründen ihrer mangelnden Bezahlbarkeit auf Abenteuer wie die Beteiligung an der Zerschlagung Jugoslawiens und das Mitmachen an diversen „Friedensmissionen“ (Afghanistan etc.) beschränken. Statt der befürchteten Rehabilitierung des NS-Sozialismus wurde eine Auffrischung der traditionellen Totalitarismustheorie vorgenommen. Statt mit „Blut und Boden“ rechtfertigen Deutsche ihr staatstreues Engagement mit der klebrigen – und alles andere als neuen – Ideologie des deutschen „Rechtsstaates“.

Dennoch hat sich das Gesicht des „wiedervereinigten“ deutschen Staates bis heute gravierend gewandelt: Deutschland steht als Führungsmacht der EU nun in unmittelbarer Konkurrenz zu den kapitalistischen Globalplayers, vor allem den USA und Russland. Deutschland ist in Inneren ein Billiglohnland geworden, die zunehmende Armut steht in disproportionalem Verhältnis zum wachsenden Reichtum der Wirtschaftseliten. Dies ist wiederum die Bedingung für den in aggressiver Konkurrenz errungenen Titel des „Exportweltmeisters“. Sein Konzept von Verarmung im Inneren als Bedingung für den internationalen Markterfolg herrscht Deutschland den anderen EU-Staaten mittels finanzieller Erpressung auf und bewirkt so Elend, Not und frühzeitigen Tod bei den sozialen Unterklassen derzeit vor allem (noch) an den Rändern der EU. Zwar ist auch Deutschland dem Verdikt der (Un-)Bezahlbarkeit längerfristiger militärischer Abenteuer ebenso ausgesetzt wie seine Konkurrenten, doch ebenfalls wie diese ist es überall dabei, wo „was los“ ist. Von der türkisch-syrischen Grenze bis zum Hindukusch: Deutsche Truppen sind an den meisten Krisenherden zur Stelle. In der geopolitischen Konkurrenz hat Deutschland nach dem Ende des durch den Kalten Krieg gestifteten „westlichen Bündnisses“ zunehmend auf autoritäre Juniorpartner gesetzt. Namentlich der politische Islam wird, nach innen durch Islamophilie und Israelkritik und nach außen durch Verständnis für islamische Ambitionen und (ohne geht das nicht) Israelkritik unterstützt.

Dieses und so manches weitere würde eigentlich eine antideutsche radikale Linke ins historische Recht setzen. Nur leider existiert eine solche nicht mehr. Das einstige Sammelsurium mit der Potenz einer emanzipatorischen Infragestellung der besonderen deutschen Verhältnisse als Ausdruck des falschen kapitalistischen Allgemeinen ist verschwunden: Soweit die damaligen Teilnehmer nicht resigniert den Rückzug ins Private antraten oder sich „gewöhnlicher“ bürgerlicher Realpolitik widmeten, sind sie wieder in ihren alten Kleingruppenaktivismus (fruchtlose Versuche der Radikalisierung aller möglichen „sozialen Bewegungen) versunken oder haben sich gar direkt ins reaktionäre Lager gegeben, bewerben sich dort (zum Glück vergeblich, die Stellen sind schon besetzt), als ideologische Polizeimeister mit der Idee, es gelte die „Zivilisation“ gegen die „Barbarei“ von allerlei Banden, Clans etc. zu verteidigen.

Am 3. Oktober wollen wir in der Alten Pauline über die Folgen der deutschen Wiedervereinigung sprechen. Wir haben dazu Horst Pankow eingeladen, der manchen noch von früheren Veranstaltungen in Detmold bekannt sein dürfte. Pankow war aktiver Teilnehmer der Nie-wieder-Deutschland-Bewegung und bis zu deren ideologischer Kapitulation 2003 Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“. Seine antideutsche Position hat er seit den 1990er Jahren in diversen Publikationen (Konkret, Jungle World, Prodomo u. a.) vertreten. Ab 20.00 Uhr wird er uns Rede und Antwort stehen.

Ergänzung:
Hoyerswerda 1991

Hoyerswerda 2012

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